Ansicht der ausgebreiteten Artefakte am Ende des Interviews von Delta (#03:53:43-6#):
Zwischenräume

 

Tobias Loemke (2017)
Die Notwendigkeit des Innehaltens. Zum Aufspüren handlungsleitender Orientierungen im Ausbreiten von Artefakten und Erzählen von Ereignissen.
(Dissertationsschrift an der FAU Erlangen-Nürnberg bei Prof. Dr. Susanne Liebmann-Wurmer und Prof. Dr. Birgit Engel; Buchpublikation: 2018)

In dieser Forschung wird untersucht, wie Lehramtsstudierende an der Universität auf ihre Kunstpraxis zurückblicken. Grundlage dieser Arbeit ist die Beobachtung, dass künstlerische Prozesse bei Studierenden oft intensiver und reibungsvoller verlaufen, als man das gemeinhin annimmt. So erfährt man als Lehrender nicht selten, dass eine konzentrierte Arbeit am Bild Studierende stark berühren kann. Die qualitativ-empirisch angelegte Forschung fokussiert vier Studierende als Fälle, die während der Datenerhebung von Erfahrungen in ihrer Kunstpraxis erzählen und dabei Artefakte von der Bewerbungsmappe bis zur Gegenwart ausbreiten.

 

In Anlehnung an die dokumentarische Methode (vgl. Bohnsack 2010) folgt vorliegende Forschung der Frage, welche handlungsleitenden Orientierungen (vgl. Bohnsack 2011: 17) sich in den Artefakten der Studierenden, in ihren Erzählungen, aber auch im Ausbreiten der Artefakte dokumentieren bzw. welche Wechselwirkungen sich zwischen künstlerischem Handeln und handlungsleitenden Orientierungen rekonstruieren lassen. Durch das Setting der Datenerhebung ergibt sich ein besonderes Moment: Die Artefakte, die die Studierenden zeigen, entstanden zu jeweils unterschiedlichen Zeiten und bezeugen (vgl. Krämer 2012: 24) die handlungsleitenden Orientierungen des Studierenden zum jeweiligen Zeitpunkt ihrer Entstehung. Das Ausbreiten der Artefakte, das im Lauf des Interviews zum Hyperimage (vgl. Thürlemann 2013: 8) des gesamten Interviews gerinnt, dokumentiert die handlungsleitenden Orientierungen des Studierenden zum Zeitpunkt der Datenerhebung. So lassen sich zwischen den handlungsleitenden Orientierungen in den jeweiligen Artefakten und denjenigen im Hyperimage Homologien (vgl. Bohnsack 2011: 20), aber auch Verschiebungen (vgl. Waldenfels 2007: 165ff) identifizieren.

 

Während der Datenerhebung legt der Studierende also im Ausbreiten der Artefakte sein Studium aus. Auslegen bedeutet für Gunter und Maria Otto einen „doppelsinnigen Vorgang“ (Otto, Otto 1987: 22). Es wird im Prozess des Bilder-machens zur „Auslegung der Welt in Bildern“ (ebd: 23) und im Prozess des Bilderverstehens zum „Auslegen von Bildern“ (ebd: 16). Im Prozess des Ausbreitens der vorangegangenen Artefakte in der Datenerhebung wird der von Otto und Otto festgestellte Doppelsinn schließlich um eine rekonstruktive Dimension erweitert. 
Während der Datenerhebung, die von Kunstpädagoginnen durchgeführt wurde, die unabhängig von den Bildungsprozessen der Studierenden waren, notierte der forschende Lehrer seine Erinnerungen an die Studierenden und verdichtete sie anschließend zu Erinnerungsbildern (vgl. Engel 2004: 15f, 86ff, 101ff). Indem die Erinnerungsbilder auf die zuvor herausgearbeitete Wechselwirkung zwischen handlungsleitenden Orientierungen und künstlerischer Praxis bezogen wurden, erhielt die Grundlagenforschung eine praxisreflexive Wendung.

 

Die Erinnerungsbilder wurden zur Spur (vgl. Krämer 2007: 15) für die weitere Interpretation des Datenmaterials und machten auf diese Weise die Perspektive des Forscher transparent.

Bohnsack, Ralf (2010)Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 8., durchges. Aufl. Opladen: Budrich. Bohnsack, Ralf (2011)Qualitative Bild- und Videointer-pretation. Die dokumentarische Methode. 2. durchges. und aktual. Aufl. Stuttg., Opladen: UTB; Budrich. Engel, Birgit (2004):  Spürbare Bildung. Über den Sinn des Ästhetischen im Unterricht. Münster: Waxmann. Krämer, Sybille (2007): „Was also ist eine Spur? Und worin besteht ihre epistemische Rolle? Eine Bestandsaufnahme“. In: Sybille Krämer (Hg.): Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Frankf. A. M.: Suhrkamp, S. 11–33.

 

Krämer, Sybille (2012): "Zum Paradoxon von Zeugenschaft im Spannungsfeld von Personalität und Depersonalisierung. Ein Kommentar über Authentizität in fünf Thesen" In: Michael Rössner (Hg.): Renaissance der Authentizität? Über die neue Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. Bielefeld: transcript Verlag, S. 15–26. Otto, Gunter; Otto, Maria (1987)Auslegen. Ästhetische Erziehung als Praxis des Auslegens in Bildern und des Auslegens von Bildern. Seelze: Friedrich. Thürlemann, Felix (2013):  Mehr als ein Bild. Für eine Kunstgeschichte des "hyperimage". München: Fink. Waldenfels, Bernhard (2007)Bruchlinien der Erfahrung. Phänomenologie, Psychoanalyse, Phänomenotechnik. 2. Aufl. Frankf. A. M.: Suhrkamp.