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© Tobias Loemke, New Blue Wall, 2022

Haltung als Bildermacher und Bildbegleiter

Meine bildnerische Arbeit geht von einem Bildkonzept aus, das der intensiven Beziehungsarbeit zwischen Farben, Formen und Materialien vertraut. Die entstehenden Bilder weiten meine Grenzen. Sie wollen Klarheit.
Über meine Bilder antworte ich auf frühe Erfahrungen in der Musik. Sie erzählen von meiner Suche nach eigenen Rhythmen zwischen Stille und Opulenz, Heiterkeit und Schwere, kühnen Tönen und frechen Überraschungen. Sie stellen sich den Klängen der Dinge und dem Sound des Alltags.
In meinen Bildern arbeite ich in kleineren Einheiten. Zusammengestellt entstehen Narrationen – keine literarischen, sondern visuelle. Die einzelnen Bilder sind verdichtet. Sie stehen für sich. Treffen sie aufeinander, entsteht Funkenflug.

Meine Arbeit als Kunstpädagoge ist eng verbunden mit meiner bildnerischen Arbeit: Als junger Mensch wollte ich meine eigene Stimme im Verhältnis zu anderen hören. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass bildnerische Bildungsprozesse dann gelingen, wenn Lehrende ihren Studierenden einen Rahmen bieten, der ihre Anliegen ins Zentrum rückt, zugleich aber eine breite Basis für das Erlernen von Wissen und Können bietet: Solch ein Rahmen bietet Halt und Orientierung. Studierende können ihn ausloten, sich an ihn lehnen, aber auch mit ihm ringen. Diese kunstpädagogische Haltung verstehe ich als Begleitung. Als Begleiter in bildnerischen Prozessen kann ich genauso wenig wie die Begleiteten wissen, wie sie sich entwickeln werden. Sich vertrauensvoll auf das noch nicht Bekannte auszurichten, aber auch gemeinsam auf bereits Entstandenes zurückzublicken, ist für meine Arbeit entscheidend. Für diese wechselnden Perspektiven müssen feinste Wahrnehmungen in Worte gefasst werden, um Impulse für kommende Schritte zu formulieren. Begleitungen in bildnerischen Prozessen werden so lebendig, weil Zurückliegendes mit Noch-nicht-Geformtem verbunden wird.

Da die Weise meines Begleitens mit der Entstehung meiner Bilder verknüpft ist, halte ich meine Bilder auch für die Lehre sichtbar. Die eigene Orientierung wird so transparent, meine künstlerische Haltung ansprechbar, begreifbar und angreifbar. Dieses Teilen der eigenen Erfahrung wirkt politisch, weil es nicht nur mir Formation und Transformation zugesteht, sondern auch allen anderen.

Das bildnerische Arbeiten ist das Spielbein meiner professionellen Identität, zugleich ihr verletzlicher Kern. Hier kann ich spielerisch und frei agieren, da mir das Lehren den nötigen Stand erlaubt. Der Wechsel zwischen Stand- und Spielbein ermöglicht mir die nötige innere Balance, das Wissen um die Vulnerabilität aller bildnerischen Prozesse, aber auch eigene Beweglichkeit und Bewegung. Die Reflexion dieses stetigen Ausagierens erscheint mir für alle Professionalisierungsfragen von großer Relevanz.   

 

Attitude and orientation as picture maker and picture companion

My work in painting is based on a concept trusting in intense relation between colors, shapes and materials. The resulting pictures transgress my boundaries. They want clarity.
In making pictures I answer to early music experiences. My pictures document and tell about my research for own rhythms in between silence and clusters, serenity and heaviness, powerful tones and cheeky surprises. They handle the sounds of things and everyday life.
In my pictures I work with smaller units. Put together, narratives emerge - not literary ones, but visual ones. They are condensed, independent and stand for themselves. When they meet each other, sparks fly.

My work as an art teacher is closely related to my work with pictures: As a young man, I wanted to listen to my own voice in relation to others. That’s the reason why I am convinced that educational processes based on pictures will be successful, when teachers offer their students not only a broad fundament for learning knowledge and skills but also an idea focussing and developing their own goals: Such a framework gives support and orientation. Students can explore the stabile frame, lean on it, but also fight against it. I understand this way of teaching as an art educational attitude and orientation of accompanying.

As a companion in artistic processes, I can’t know how somebody will develop. Looking trustfully together to not already fulfilled formations, but also reviewing what has already emerged, is an important step of my teaching.

For these changing perspectives, finest perceptions have to be translated into words in order to articulate impulses for next steps. In this way, companionship in artistic processes comes alive because steps fulfilled are connected with hasn’t been formed yet.
Accompanying processes in pictures is closely connected to the creation of my own pictures. That’s why I keep my pictures visible for my class. My own orientation and my attitude become transparent, tangible, but also discussible. The sharing of my own experience is a political statement, because it empowers me and others and allows transformations for everyone.

My pictorial work is the pillar of my professional identity and at the same time its vulnerable core. Here I can act playfully and freely, because teaching gives me stability. Veering back and forth between standing and playing allows me an inner balance, the knowledge of the vulnerability of all artistic processes, but also mobility and movement. Reflecting this constant balancing seems important for all questions of professionalism.  

TL, 22.11.22