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Richtungen des Ausbreitens der Artefakte:
Rot: von unten | Gelb: von rechts | Grau: von oben | Rosa: von links.

Praxisreflexivität und Grundlagenforschung?

In dieser Arbeit wird untersucht, wie Lehramtsstudierende an einer Universität auf ihre Kunstpraxis zurückblicken. Grundlage dieser Forschung ist die Beobachtung, dass künstlerische Prozesse bei Studierenden oft intensiver und reibungsvoller verlaufen, als man das gemeinhin annimmt. So erfährt man als Lehrender nicht selten, dass eine konzentrierte Arbeit am Bild Studierende stark berühren kann. Die qualitativ-empirisch angelegte Forschung fokussiert vier Studierende als Fälle, die während der Datenerhebung von Erfahrungen in ihrer Kunstpraxis erzählen und dabei Artefakte von der Bewerbungsmappe bis zur Gegenwart ausbreiten.

In Anlehnung an die dokumentarische Methode (vgl. Bohnsack 2010) folgt vorliegende Forschung der Frage, welche handlungsleitenden Orientierungen (vgl. Bohnsack 2011: 17) sich in den Artefakten der Studierenden, in ihren Erzählungen, aber auch im Ausbreiten der Artefakte dokumentieren bzw. welche Wechselwirkungen sich zwischen künstlerischem Handeln und handlungsleitenden Orientierungen rekonstruieren lassen. Durch das Setting der Datenerhebung ergibt sich ein besonderes Moment: Die Artefakte, die die Studierenden zeigen, sind zu jeweils unterschiedlichen Zeiten entstanden und bezeugen (vgl. Krämer 2012: 24) die handlungsleitenden Orientierungen der Studierenden zum jeweiligen Zeitpunkt ihrer Entstehung. Das Ausbreiten der Artefakte, das im Lauf des Interviews zum Hyperimage (vgl. Thürlemann 2013: 8) des gesamten Interviews gerinnt, dokumentiert die handlungsleitenden Orientierungen der Studierenden zum Zeitpunkt der Datenerhebung. So lassen sich zwischen den handlungsleitenden Orientierungen in den jeweiligen Artefakten und denjenigen im Hyperimage Homologien (vgl. Bohnsack 2011: 20), aber auch Verschiebungen (vgl. Waldenfels 2007: 165ff) identifizieren. Während der Datenerhebung legen die Studierenden also beim Ausbreiten der Artefakte ihr Studium aus. Auslegen verstehen Gunter und Maria Otto im produktiven Prozess des Bildermachens als »Auslegung der Welt in Bildern« (Otto, Otto 1987: 23) und im rezeptiven Prozess des Bilderverstehens als »Auslegen von Bildern« (ebd. 16). Dem Prozess des Ausbreitens der vorangegangenen Artefakte in der Datenerhebung kann somit dem von Otto und Otto festgestellten Doppelsinn eine weitere, rekonstruktive Dimension beigemessen werden.

Die Datenerhebung haben Kunstpädagoginnen durchgeführt, die nicht am Bildungsprozess der Studierenden beteiligt waren. Währenddessen notierte der forschende Lehrer seine Erinnerungen an die Studierenden und verdichtete sie anschließend zu Erinnerungsbildern (vgl. Engel 2004: 15f, 86ff, 101ff). Indem die Erinnerungsbilder auf die zuvor herausgearbeitete Wechselwirkung zwischen handlungsleitenden Orientierungen und künstlerischer Praxis bezogen wurden, erhielt die Grundlagenforschung eine praxisreflexive Wendung. Die Erinnerungsbilder wurden zur Spur (vgl. Krämer 2007: 15) für die weitere Interpretation des Datenmaterials und machten auf diese Weise die Perspektive des Forschers transparent.

Literatur:
Bohnsack, Ralf (2010): Rekonstruktion Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 8. Auflage. Opladen: Budrich.
Bohnsack, Ralf (2011): Qualitative Bild- und Videointerpretation. Die dokumentarische Methode. 2. Auflage. Opladen: Budrich.
Engel, Birgit (2004): Spürbare Bildung. Über den Sinn des Ästhetischen im Unterricht. Münster: Waxmann.
Krämer, Sybille (2007): Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Krämer, Sybille (2012): »Zum Paradoxon von Zeugenschaft im Spannungsfeld von Personalität und Depersonalisierung. Ein Kommentar über Authentizität in fünf Thesen«. In: Rössner, Michael (Hg.): Renaissance der Authentizität? Über die neue Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. Bielefeld: transcript.
Otto, Gunter; Otto, Maria (1987): Auslegen. Ästhetische Erziehung als Praxis des Auslegen in Bildern und des Auslegen von Bildern. Seelze: Friedrich.
Thürlemann, Felix (2013): Mehr als ein Bild. Für eine Kunstgeschichte des »hyperimage«. München: Fink. Waldenfels,
Bernhard (2007): Bruchlinien der Erfahrung Phänomenologie, Psychoanalyse, Phänomenotechnik. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Zum Weiterlesen:

Loemke, Tobias (2019). Innehalten beim Begleiten künstlerischer Prozesse. Handlungsleitende Orientierungen im Ausbreiten von Artefakten und Erzählen von Ereignissen. Erlangen (344 S.)

Practise Reflectivity and Basic Research?

The research project, which is based on the observation that students often experience their artistic processes as intense and strenuous (contrary to general opinion), examines how teacher trainees at University look back on their art practice. Indeed, lecturers have learnt in a number of cases that concentrated work on a picture can strongly affect students. The empirically-based qualitative research focuses on cases in which four students individually laid out artefacts ranging from their application portfolios to the present day, in the process speaking of their experiences of art practice.

In conformity with the documentary method (Cf. Bohnsack 2010) the research examines the question of whether action-guiding orientation (Cf. Bohnsack 2011: 17) can be deduced from the students' artefacts, their narrratives or their presentation of artefacts, and whether it is possible to reconstruct correlations between artistic action and action-guiding orientation. The data-gathering setting involved a particular circumstance, namely that the artefacts laid out by the students had come about at differing times, thus testifying (Cf. Krämer 2012: 24) to the action-guiding orientation of the students at the time of artefact creation. Laying out artefacts, a process that in the course of the interviews evolved into a hyperimage (Cf. Thürlemann 2013: 8) of the whole interview, documents the action-guiding orientation of the students at the time of the data gathering. Homologies (Cf. Bohnsack 2011, p. 20) and also shifts (Cf. Waldenfels 2007: 165ff.) can thus be identified between action-guiding orientation with regard to both the respective artefacts and the hyperimage. In other words, in presenting the artefacts during the data gathering process the students were interpreting their course of study. Gunter and Maria Otto see the productive process of picture creation as an »interpretation of the world in pictorial form« (Otto, Otto 1987: 23) and the receptive process of picture comprehension as »picture interpretation« (Otto, Otto 1987: 16). In the data gathering process the double meaning determined by Otto and Otto thus gained a reconstructive dimension in the laying out of the past artefacts.

During the data collection process, which was conducted by art educators not involved in the students' course of study, the researching lecturer noted down his memories of the students, condensing them in writing into a single image of remembering (Cf. Engel 2004: 15f., p. 86ff., p. 101ff.) in the individual cases. Relating these written images to the previously determined correlation between action-guiding orientation and art practice gave the basic research a turn in the direction of reflectivity on own teaching practice. The images of remembering blazed a trail (Cf. Krämer 2007: 15) for further interpretation of the data material, thus elucidating the researcher's perspective.

Literature:
Bohnsack, Ralf (2010): Rekonstruktion Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 8. Auflage. Opladen: Budrich.
Bohnsack, Ralf (2011): Qualitative Bild- und Videointerpretation. Die dokumentarische Methode. 2. Auflage. Opladen: Budrich.
Engel, Birgit (2004): Spürbare Bildung. Über den Sinn des Ästhetischen im Unterricht. Münster: Waxmann.
Krämer, Sybille (2007): Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Krämer, Sybille (2012): »Zum Paradoxon von Zeugenschaft im Spannungsfeld von Personalität und Depersonalisierung. Ein Kommentar über Authentizität in fünf Thesen«. In: Rössner, Michael (Hg.): Renaissance der Authentizität? Über die neue Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. Bielefeld: transcript.
Otto, Gunter; Otto, Maria (1987): Auslegen. Ästhetische Erziehung als Praxis des Auslegen in Bildern und des Auslegen von Bildern. Seelze: Friedrich.
Thürlemann, Felix (2013): Mehr als ein Bild. Für eine Kunstgeschichte des »hyperimage«. München: Fink. Waldenfels,
Bernhard (2007): Bruchlinien der Erfahrung Phänomenologie, Psychoanalyse, Phänomenotechnik. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Herkunft der ausgebreiteten Artefakte:
Grün: Bewerbungsmappe | Violett: Aufnahmeprüfung | Pink: Älteres aus dem Studium | Hellblau: Jüngeres aus dem Studium.